Projekt "Modellmanagementplan Barrierefreiheit"
10 Fragen und Antworten
Das Motto des Berchtesgadener Parks lautet „Ein Nationalpark für Alle“. Damit ist gemeint, dass der Park der Allgemeinheit zur Erholung dienen soll. Doch die Belange behinderter Gäste wurden bislang wenig berücksichtigt. Dies soll anders werden, damit der Park bald wirklich „für alle“ zugänglich ist.
Zur Bedeutung eines Modell-Management-Planes
1. Was wird in diesem Projekt denn genau gemacht? Soll jetzt etwa der Watzmann für Rollstuhlfahrer eingeebnet werden?
Natürlich nicht! Das Projekt, das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und dem Bayerischen Umweltministerium gefördert wurde, dauerte ein Jahr. Bis zum Sommer 2006 wurde ein Plan mit konkreten Maßnahmen, versehen mit Zeithorizonten und Kostenschätzungen erarbeitet. Solche Maßnahmen können beispielsweise ein Naturerlebnispfad mit Audioführung im Klausbachtal sein, eine Führung durch die Nationalparkausstellung in Gebärdensprache oder die barrierefreie Gestaltung des geplanten „Hauses der Berge“. Es wurde also nicht konkret etwas „gebaut“, sondern es wurden die „Blaupausen“ für Folgemaßnahmen erarbeitet.
2. Es gibt doch schon einen Nationalpark-Plan. Wieso braucht man dann noch einen Modell-Management-Plan?
Der gültige Nationalpark-Plan wurde im Jahr 2001 verabschiedet und hat eine Laufzeit von 10 Jahren. Darin wurden aber die Belange behinderter Erholungssuchender nicht im Speziellen berücksichtigt. Deshalb ist ein Management-Plan zur Barrierefreiheit, der als „Querschnittsaufgabe“ in den laufenden Plan eingearbeitet werden soll, wichtig. Ein „Modell“ soll dieser Plan sein, da solche Barrierefrei-Pläne noch in keinem anderen deutschen Nationalpark existieren. Berchtesgaden kann so Vorreiter sein.
3. So ein Projekt kostet doch eine Menge Geld. Könnte man das nicht besser für etwas anderes ausgeben?
Wenn über diesen Plan langfristig mehr behinderte Gäste und ihre Angehörigen den Raum Berchtesgaden besuchen, dann ist die Finanzierung eines solchen Projektes eine Investition in die Zukunft. Eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums hat im Jahr 2003 festgestellt, dass durch barrierefreien Tourismus in Deutschland insgesamt bis zu fünf Milliarden Euro/Jahr zusätzlicher Umsatz möglich ist und 90.000 Vollzeitstellen geschaffen werden können.
Barrierefreies Naturerlebnis
4. Wie ist die Situation für behinderte Gäste des Nationalparks?
Die Bedürfnisse behinderter Gäste werden bislang nicht systematisch berücksichtigt. Wenn es Nutzungen für rollstuhlfahrende, blinde, schwerhörige, gehörlose Gäste oder für Menschen mit Lernschwierigkeiten gibt, so ist dies eher zufällig entstanden bzw. wurden zum „Jahr der Behinderten“ 2005 gezieltere Angebote entwickelt. Natürlich bemühen sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch diesen Gästen gerecht zu werden, aber das Angebot ist noch zu klein.
5. Ist das nicht ein bisschen verrückt, ausgerechnet einen Hochgebirgspark für Barrierefreiheit auszuwählen?
Das könnte man in der Tat im ersten Moment denken, wenn man nur an Gäste im Rollstuhl denkt und sich den Aufstieg zum Watzmannhaus vorstellt. Doch das Projekt will auch unter Beweis stellen, dass "Barrierefreiheit" nicht in erster Linie eine Frage der Topographie ist, sondern der inneren Einstellung. Wenn man darüber hinaus weiß, dass rollstuhlnutzende Menschen eine zahlenmäßig eher kleine Gruppe behinderter Menschen darstellen, so wird deutlich, dass die Steigung im Gelände nicht der ausschlaggebende Faktor ist. Gäste mit Seh-, Hör- und Lernschwierigkeiten oder mit inneren Erkrankungen sollen genauso berücksichtigt werden.
6. Wie vertragen sich „Naturschutz“ und „Barrierefreiheit“ überhaupt miteinander?
Diese beiden Bereiche können sich wunderbar ergänzen, wenn man etwa an Fragen der Besucherlenkung denkt. Barrierefrei gestaltete Wege laden alle zur Nutzung ein und können Besucherströme auf die geplanten Bereiche konzentrieren und von Bereichen mit sensibler Vegetation fortführen. Barrierefrei gestaltete Informationszentren sind attraktiv für alle und können bei guter Standortwahl andere Gebiete entlasten.
Rund um den Begriff „barrierefrei“
7. Woher kommt eigentlich der Begriff „barrierefrei“?
Die Anfänge der Barrierefreiheit entstammen den 50er Jahren der USA: Dort hieß es „Barrier-free-Movement“. Es waren die behinderten Kriegsveteranen und Behindertenorganisationen, die auf die physischen Barrieren in der bebauten Umwelt hinwiesen. Mit Demonstrationen und Aktionen forderten sie Chancengleichheit in den Bereichen Ausbildung, öffentlich zugängliche Einrichtungen, Verkehr und Telekommunikation. Sie wiesen bereits damals darauf hin, dass eine derart gestaltete Umwelt Vorteile für alle Menschen hat.
8. Wo ist „barrierefrei“ in Deutschland in Normen und Gesetzen aufgeschrieben?
Dieser „barrierefrei-Ansatz“ fand in Deutschland Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre Resonanz und zwar in den DIN-Normen 18024 und 18025, die sich mit dem Bauen für behinderte Menschen beschäftigten. Seit dem Jahr 2002 gibt es auf Bundesebene ein Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen, seit Mitte 2003 auch ein entsprechendes Landesgesetz für Bayern. In diesen Gesetzen wird der Begriff „barrierefrei“ exakt definiert.
9. Was bedeutet „barrierefrei“ in der Praxis?
In der Praxis bedeutet die barrierefreie Gestaltung von Gebäuden, Einrichtungen und Dienstleistungen einen Perspektivenwechsel im Umgang mit behinderten Menschen. Sie werden nicht länger als „Objekte der Betreuung“ angesehen, sondern wandeln sich zu Bürgerinnen und Bürgen mit dem gleichen Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft. Barrierefreies Gestalten ist der Schlüssel zu diesem Perspektivenwechsel.
10. Wer profitiert von einer „barrierefrei-Planung“?
Das Beste an einer barrierefreien Gestaltung ist, dass sie nicht nur behinderten Menschen dient, sondern auch Eltern mit Kinderwagen, Menschen mit schwerem Gepäck, alten Menschen. In der bereits erwähnten Studie des Bundeswirtschaftsministeriums heißt es deshalb auch: „Eine barrierefrei zugängliche Umwelt ist für rund 10 Prozent der Bevölkerung zwingend erforderlich, für etwa 30-40 Prozent notwendig und für 100 Prozent komfortabel!“
- Unter dem folgenden Link finden Sie den gesamten
- "Modell-Management-Plan Barrierefreiheit".
- Download des Plans:
- "Modell-Management-Plan Barrierefreiheit" (pdf, 6,9 MB)
- Projektbeschreibung