Beschleunigte Massenabtragung im Jennergebiet - Blaikenerosion
Forschungsbericht 32
C. Dommermuth, 1995
148 Seiten, 46 Abbildungen, 16 Karten
Inhaltsverzeichnis
1-Einleitung-11
1.1-Das Verbundprojekt "Bodenforschung im deutschen Alpenraum"-12
1.2-Zielsetzung-13
2-Das Arbeitsgebiet Jenner im Nationalpark Berchtesgaden-14
2.1-Naturräumlicher Überblick und Abgrenzung-14
2.2-Geologischer Überblick-15
2.3-Geomorphologischer Überblick-17
2.4-Bodenkundliche Verhältnisse-18
2.5-Klimatische Verhältnisse-20
2.6-Hydrographische Verhältnisse -22
2.7-Vegetation-22
3-Konzeption und Methodik-23
3.1-Vorgehensweise-23
3.2-Die vorhandene Datenbasis-23
3.3-Datenerhebung und Dateneingabe-25
3.4-Datenanalysen-27
4-Vorhandene Abtragserscheinungen im Arbeitsgebiet Jenner-27
4.1-Die Grundlagenkarten-27
4.1.1-Realnutzungstypen (Karte 2)-27
4.1.2-Hangneigung (Karte 3)-27
4.1.3-Geologie (Karte 4)-32
4.1.4-Bodenkunde (Karte 5)-32
4.1.5-Hydrographie (Karte 6)-32
4.1.6-Wegenetz (Karte 7)-32
4.1.7-Vegetation (Karte 8)-32
4.2-Die Prozeßkarten-36
4.2.1-Geomorphologische Grundlagenkarte-36
4.2.1.1-Prozeßbereiche-36
4.2.1.2-Geomorphologische Einzelformen-37
4.2.1.3-Geomorphologische Prozesse-37
4.2.1.4-Abtragsformen-37
4.2.2 -Karte der vorliegenden Massenabtragsformen-39
4.3-Beschreibung der rezenten Geomorphodynamik und der Massenabtragserscheinungen-41
4.3.1-Direkt anthropogen bedingte Abtragungsvorgänge-41
4.3.1.1-Abtragungsvorgänge durch den Sommertourismus-41
4.3.1.2-Abtragungsvorgänge durch den Wintersportbetrieb-44
4.3.1.2.1-Schadensart-44
4.3.1.2.2-Schadensumfang-45
4.3.2-Quasinatürliche Abtragungsvorgänge-47
4.3.2.1-Abtragungsvorgänge durch Nivation-47
4.3.2.1.1-Schnee-und Lawinenschurf-51
4.3.2.1.2-Schneedruck-54
4.3.2.1.3-Blattanbruchbildung-55
4.3.2.2-Abtragungsvorgänge durch die Almwirtschaft-59
4.3.2.2.1-Viehgangeln-63
4.3.2.2.2-Narbenversatz-64
4.3.2.2.3-Trittblaiken-64
4.3.3-Weitgehend natürliche Abtragungsvorgänge-66
4.3.3.1-Erosionsvorgänge durch fluviale Prozesse-68
4.3.3.1.1-Linearerosion, Rinnenspülung-70
4.3.3.1.2-Seitenerosion-70
4.3.3.1.3-Tiefenerosion-71
4.3.3.2-Abtragungsvorgänge durch Rutschungen-71
4.3.3.2.1-Translationsrutschungen-71
4.3.3.2.2-Rotationsrutschungen-72
4.3.3.4-Abtragungsvorgänge durch Gravitation-73
4.3.3.4.1-Steinschlag-74
4.3.3.4.2-Felsstürze-75
4.4-Bewertung der Schäden-75
4.5-Die Entwicklung von Abtragsschäden von 1953 bis heute-78
4.5.1-Monitiring der Blaikenbildungsprozesse-78
4.5.2-Luftbildinterpretation-79
5-Potentielle Abtragungsbereiche im Arbeitsgebiet Jenner-82
5.1-Betrachtung ausgewählter Einzelprozesse auf Untersuchungsflächen-83
5.1.1-Untersuchungsfläche I: Königstalalm SW-Hang-84
5.1.1.1-Prozesse/Schäden-84
5.1.1.2-Beschreibung der standörtlichen Verhältnisse -85
5.1.1.3-Kurzfassung der Ergebnisse-Untersuchungsfläche I-92
5.1.2-Untersuchungsfläche II: Königstalalm NW-Hang-93
5.1.2.1-Prozesse/Schäden-93
5.1.2.2-Beschreibung der standörtlichen Verhältnisse-94
5.1.2.3-Kurzfassung der Ergebnisse-Untersuchungsfläche II-98
5.1.3-Untersuchungsfläche III: Königstalalm SE-Hang-98
5.1.3.1-Prozesse/Schäden-98
5.1.3.2-Beschreibung der standörtlichen Verhältnisse-100
5.1.3.3-Kurzfassung der Ergebnisse-Untersuchungsfläche III-106
5.1.4-Untersuchungsfläche IV: Priesbergalm W-Hang-106
5.1.4.1-Prozesse/Schäden-106
5.1.4.2-Beschreibung der standörtlichen Verhältnisse-107
5.1.4.3-Kurzfassung der Ergebnisse-Untersuchungsfläche IV-112
5.1.5-Untersuchungsfläche V: Farrenleiten-113
5.1.5.1-Prozesse/Schäden-113
5.1.5.2-Beschreibung der standörtlichen Verhältnisse-113
5.1.5.3-Kurzfassung der Ergebnisse-Untersuchungsfläche V-119
5.2-Beschreibung der möglichen Einflußparameter-120
5.2.1-Trittschädigungen im Rahmen des Sommertourismus-120
5.2.2-Schnee-und Lawinenschurf-121
5.2.3-Blattanbruchbildung-126
5.2.4-Viehtritt-130
5.3-Ableitung von Gefährdungspotentialen gemäß der Einflußparameter-130
5.3.1-Abtragungsvorgänge im Rahmen des Sommertourismus-131
5.3.2-Schnee-und Lawinenschurf-131
5.3.3-Blattanbruchbildung-131
5.3.4 -Viehtritt-132
5.4-Weitere Gefährdungspotentiale-132
5.4.1-Abtragungsvorgänge in fluvial geprägten Einzugsbereichen-133
5.4.3-Lawinensituation-133
5.5-Karte der potentiellen Massenabtragungsbereiche-133
6-Zusammenfassung-135
7-Ausblick-138
Literaturverzeichnis-141
Anhang-147
Zusammenfassung
Weite Teile der Alpen Unterliegen heute in besonderem Maß einer Gefährdung durch schädigende geomorphologische Prozesse. Dieser Zustand ist das Resultat einer Entwicklung, welche vor Jahrhunderten mit der Nutzungsnahme und damit verbundener Rodung der Wälder in weiten Teile des Alpenraumes in Gang gesetzt worden ist.
Ausgehend von der Tatsache, dass geomorphologische Prozesse im Hochgebirge ohnehin mit besonderer Intensität ablaufen, kann im Verlauf der Letzten Jahrzehnte eine deutliche Zunahme von Abtragsschäden vor allem in den Kulturlandschaftsbereichen der Alpen beobachtet werden. Erklärbar wird dies, wenn man berücksichtigt, dass der überwiegende Anteil der Abtragungsvorgänge in einer Kulturlandschaft zwar nach dem Vorbild natürlicher Prozesse ablaufen, jedoch sowohl das Wirken des Menschen initiiert sind, als auch durch Übernutzung und neuerdings auch durch Unternutzung weiter Bereiche kulturlandschaftlich geprägter Alpenregionen verstärkt werden.
Bei der Betrachtung der für die Schadenszunahme verantwortlichen Abtragungsvorgänge und Massenbewegungen stand im Rahmen dieser Untersuchung daher der anthropogene Einfluß im Vordergrund. Soweit dieser Einfluß auch im Gelände nachweisbar war, sollten die Wirkungen auf die Prozeßabläufe und deren Auswirkungen aufgezeigt werden. Um dieser Aufgabenstellung Rechnung zu tragen, wurden die abtragungswirksamen Prozessen anhand des Grades der jeweiligen anthropogenen Einflußnahme in folgende Kategorien eingeteilt:
Direkt anthropogen bedingte Abtragungsvorgänge: sie sind geprägt durch ein unmittelbares Verursachen von Abtragsschäden durch den Menschen.
Quasinatürliche Prozesse: sie sind durch Eingriffe des Menschen initiiert und sind in der Regel auch weiterhin hinsichtlich ihrer Schadenswirkung anthropogen beeinflußt; die Prozesse laufen aber nach natürlichen Gesetzmäßigkeiten ab.
Weitgehend natürliche Prozesse; Bei diesen Prozessen ist eine anthropogene Einflussnahme nicht gegeben oder nicht abschätzbar.
Ziel der Untersuchung war es zunächst, alle in einem abgegrenzten Untersuchungsgebiet auftretenden schadenswirksamen Einzelprozesse und die damit verbundenen Abtragungsschäden in diese Kategorien einzuordnen. Als Untersuchungsgebiet wurde hierfür ein 3344 ha großer Ausschnitt des Nationalparks Berchtesgaden ausgewählt, welcher in Hinsicht auf die Zielsetzung der Arbeit besonders geeignet erschien. Für die Wahl des Arbeitsgebietes waren dabei folgende Faktoren entscheidend:
die geologisch-tektonischen Verhältnisse, die sich neben dem Vorkommen ausgedehnter Dachsteinkalkbereiche durch ein verhältnismäßig verbreitetes Vorkommen von Gesteinen mergelig-kieseliger Jurakalkfazies (z.B. Fleckenmergel-Serie, Chiemgauer Schichten) -den "Almhorizonten"- und darüber hinaus durch ein Auftreten zahlreicher weiterer Gesteinsfolgen im Verlauf der Torrener-Joch-Störungszone auszeichnen. Hieraus ergibt sich hinsichtlich der lithologischen Verhältnisse eine besondere Vielfalt;
die umfangreichen Abtragungserscheinungen in Verbindung mit einem entsprechend vielfältigen Prozeßinventar;
der hohe Kulturlandschaftsanteil, der sich äu0ert in einem engräumigen Wechsel naturnaher Wälder sowie noch forstlich genutzter Wälder mit noch almwirtschaftlich genutzten oder bereits aufgelassenen Lichtweideflächen;
die intensive touristische Nutzung;
und die Bereits langjährige Forschungsgeschichte des Jennergebietes, verbunden mit einer guten Datendokumentation früherer Untersuchungen.
Für die Erfassung der rezenten abtragungswirksamen Prozesse wurde eine geomorphologische Übersichtskartierung vorgenommen. Aus den Ergebnissen dieser kartierarbeiten wurde eine geomorphologische Grundlagenkarte erstellt, in welcher sowohl die aktuellen geomorphologischen Prozesse als auch der teilweise aus diesen resultierende geomorphologische Formenschatz zusammengefaßt wurden. Mit Hilfe dieser geomorphologischen Grundlageninformationen konnte eine Karte der vorliegenden Massenabtragsformen erstellt erden, die weitgehend alle Abtragserscheinungen enthält.
Auf der Basis dieser geomorphologischen Kartierarbeiten können Aussagen zur Entstehung der einzelnen Abtragsformen und zum Ablauf der hierfür verantwortlichen Abtragtragungsvorgänge gemacht werden. Als Abtragsformen überwiegen sogenannte "Blaiken" , worunter allgemein vegetationslose oder nur schütter bewachsene Flächen bzw. Hohlformen am Hang verstanden werden. Die Schadenssituation im Untersuchungsgebiet Jenner stellt sich in Abhängigkeit von den einzelnen Abtragungsvorgängen und der aus diesen resultierenden Schadensart wie folgt dar:
Entlang der Wege sind vielfältige Formen von Abtragsschäden zu erkennen. Sie sind auf mechanische Belastung der Vegetationsdecke und des Bodens durch Bergwanderer zurückzuführen. Die Schäden zeigen sich dabei in Abhängigkeit vom Wegtyp und der Wegführung in unterschiedlicher Ausprägung. Von dieser Betrachtung sind alle befestigten Wege wie die Forststraßen und -wege ausgeschlossen. Sie blieben im Rahmen dieser Untersuchung unberücksichtigt. Umfangreiche Schädigungen der Vegetation und nachfolgend des Bodens mit Materialverlusten sind in erster Linie an serpentinenartig geführte Wege in mäßig steilen Hanglagen (20 bis 30°) gebunden. Auf diesen werden die Kehren von den Wanderern immer wieder abgekürzt, wodurch eine Vielzahl von Wegabschneidern und damit flächenhafte Trittblaiken entstehen. Demgegenüber unterliegen die Substate der Oberflächen in Hangfallrichtung geführter Wege und Pfade in d er Regel deutlicher Verdichtung und bilden so Leitbahnen für oberflächlich abfließendes Wasser nach Niederschlägen. Die hierauf folgenden Eintiefungen durch Linearerosion sorgen dann für Materialverluste. Auf allen unbefestigten Wegen sind darüber hinaus Schäden zu verzeichnen, die auf ein Verlassen des Wanderers des eigentlichen Weges zurückzuführen sind. Insbesondere bei Nässe und damit verbundener Ausrutschgefahr werden die Randbereiche der Wege betreten. Daraus folgt eine zumeist weg parallele Ausweitung von Abtragsschäden.
Auswirkungen des Wintersportbetriebs auf Vegetation und Boden sind im Bereich der Jennerskipiste zu beobachten. Durch Planierungen für den Pistenbau oder die ständige Pistenpflege aber auch durch die Skifahrer in Form von Skikantenschurf, sind entlang großer Teile der Pistenführung Schäden an Vegetation und Böden zu verzeichnen. Diese werden aber weniger in auffälligen Blaikenbildungen sichtbar, sondern sind vielmehr durch eine weitgehende Bodenabtragung gekennzeichnet, welche nahezu den gesamten Nutzungs- bzw. Pistenbereich betrifft. Die betroffenen Böden zeigen sich somit in der Regel stark erodiert bis hin zu einem häufig zu beobachtenden völligen Solumverlust.
Vorzugsweise auf steilen Weidehängen sind zahlreiche arten von Blaikenbildung erkennbar. Diese sind in der großen Mehrzahl auf nivale unterhalb der natürlichen Waldgrenze quasinatürlich ablaufende Abtragungsvorgänge zurückzuführen. Durch die Schurfwirkung von Schneebewegungen auf den Grashängen der Almen, auch der ehemaligen Almen, entstehen Schneeschurfblaiken. Der nivale Schurf setzt an Steine, Grashorsten, Zwergsträuchern oder auch bereits vorhandenen Bodenverwundungen an und bewirkt im weiteren Verlauf ein Abhobeln zunächst der Vegetationsdecke, des humosen Oberbodends und nachfolgend des oberen Mineralbodenhorizontes. Erkennbar sind Schneeschurfblaiken an ihrer unregelmäßigen Begrenzung, der oftmals nur wenige Zentimeter erreichenden Abtragstiefe und der charakteristischen langgestreckten Ausbildung in Hangfallrichtung.
Treffen Schneebewegungen auf größere Einzelhindernisse wie Felsbrocken, Büsche oder junge Bäume und werden diese Hindernisse durch den Schneedruck verlagert bzw. ausgehebelt. Es entstehen tiefe Schurfrinnen in den Böden oder die entwurzelten Büsche oder Bäume hinterlassen etwa quadratmetergroße Bodenverwundungen die Schneedruck-oder auch Schneeschubblaiken.
Die Abtragung mehrerer Quadratmeter großen Bodenschollen mitsamt Vegetationsdecke und mit Mächtigkeiten bis zu 50 Zentimeter entlang hanggefällsparalleler Scherflächen verursacht die Blattanbruchbildung. Diese stellt mithin die drastischste Bodenabtragung im Untersuchungsgebiet das. Nach den Geländerbeobachtungen und bodenkundlichen Betrachtungen handelt es sich hierbei ebenfalls überwiegend um einen Massenschurf. Bei diesem Vorgang treten durch die sich in Bewegung setzenden bzw. sich bereits bewegenden Schneedecken Scherkräfte auf, welche über die Vegetation auf den Boden über werden. In Form von präformierten hanggefällsparallelen Labilitätszonen innerhalb des vertikalen Bodenaufbaus besitzen in erster Linie die in Verwitterungsprodukten der jurassischen Gesteinfolgen entwickelten tiefgründigen Mehrschichtböden eine besondere Anfälligkeit gegenüber die sen abscherenden Kräften der Schneebewegungen. Die Schneebewegungen bewirken so die schollenweise Abtragung ganzer Bodenschichten. Da die translationsförmige Abscherung in der großen Mehrheit der Fälle entlang der oberen Schichtgrenze dieser Böden erfolgt und exakt die hangende Bodenschicht erfaßt und talwärtig verlagert, sind somit die Schichtgrenzen als präformierte Scherzonen anzusehen. Zurückbleiben im Grundriss ovale, am oberen Rand mit scharfen, sichelförmigen Abrißkanten ausgebildete Blattanbrüche.
Intensiv beweidete Almflächen in Hanglagen zeigen eine charakteristische Mikrorelieferung ganzer Hangbereiche in Form von weitgehend hangparallel verlaufender Viehgangel,. Eine starke Vergangelung auf den weidehängen beinhaltet aber noch keine Bodenabtragung. Erst der Narbenversatz, mit dem Lostreten ganzer Bodenstücke mitsamt Vegetation am talwärtigen Rand der Gangeln, führt zu einer Schädigung der Almböden durch Abtragung. Weitere intensive Beweidung häufig in der Folge von lokal hoher Beweidungsintensität ohne Überbesatz auf den Almen führt letztlich zu einer entlang der Viehgangeln orientierten flächenfaften Ausweitung der narbenversatzschäden und damit zur Bildung von Viehtrittblaiken. Großflächige Viehtrittblaiken im Untersuchungsgebiet sind allerdings häufig das Resultat einer Prozeßüberlagerung durch nivale Abtragungsprozesse.
Weitgehend unabhängig von einem anthropogenen Einfluß verlaufen die Abtragungsvorgänge im Einflußbereich der Fließgewässer. Obwohl die Abtragungs-und Feststoffrachtintensitäten der Wildbäche vergleichsweise geringe Dimensionen beobachten lassen, sind dennoch alle typischen Merkmale natürlicher Wildbäche vorhanden: Im Sinne der Aufgabenstellung sind dies in erster Linie die Zahlreich auftretenden verschiedenen Anbruchsformen entlang der Bachläufe. Ufer- und Feilenanbrüche stehen dabei im direkten Zusammenhang mit fluvialer Erosion (Seiten- bzw. Tiefenerosion). Sie sind im Arbeitsgebiet gebunden an Lockergesteinskörpern in Form von Moränenablagerungen, bereits fluvial geprägte Schotterkörper, mächtigere Hangschuttdecken, stark griesbildenden Dolomitzersatz oder veränderlichfeste Gesteine wie die Gipstone des ausgelaugten Haselgebirges in unmittelbarer Gewässernähe.
In engem Zusammenhang mit dem fluvialen Geschehen stehen im Untersuchungsgebiet massenselbstbewegungen in Form von Rutschungen. Dies sind weitgehend eigenständig ablaufende Gleitbewegungen von Bodensubstrat oder Lockergesteinsmassen entlang hanggefällsparalleler (Translationsrutschung) oder mehrerer gekrümmter (Rotationsrutschungen) Gleitflächen. Translationsförmige Rutschungsvorgänge betreffen dabei in der Regel steile Eingänge von kerbförmig eingeschnittenen Fließgewässern, die aus Lockergesteinen aufgebaut sind (Hangschuttkörper, glaziale-fluvioglaziale Lockergesteins- oder Schotterkörper) bzw. darin entwickelte Böden. Eine differenzierte Ansprache anhand der rutschauslösenden Faktoren (gravitativer oder bodenwasserabhängiger Rutschungstyp) erfolgte hier nicht. Rotationsförmige Rutschungen hingegen liegen ausschließlich im Bereich veränderlichfester Gesteine (Sedimente des Haselgebirges) vor.
Die gravitativen Prozesse wurden in der vorliegenden Arbeit auf reine Sturzvorgänge begrenzt und im Hinblick auf die Aufgabenstellung nur zur Vervollständigung der Massenverlagerungsprozesse betrachtet. Zahlreich auftretende Sturzvorgänge sind in erster Linie mit dem Steinschlaggeschehen verbunden, welches an die ausgedehnten Felsregionen des Hohen Bretts und des Hagengebirges gebunden ist. Größer dimensioniert abstürze von Gesteinsmassen in Form von Fels- und Bergstürzen fanden in jüngerer Zeit, mit Ausnahme des kleinen Felssturzes aus der Mooswand in das Priesbergmoos (November 1989), nicht statt.
Anhand der Ergebnisse der geomorphologischen Kartierarbeiten und der bodenkundlichen Betrachtungen einzelner Schadensstandorte konnte eine Bewertung der Schäden durchgeführt werden, welche in einer Schadenskarte zusammengefaßt sind.
-Die umfangreichen Bodenschäden sind hiernach auf nivale Abtragung durch Schneeschurf und durch Blattanbruchbildung auf den Weidehängen zurückzuführen. Zur Kennzeichnung der hierfür verantwortlichen Abtragungsdynamik wurden Luftbilder (Zeitraum 1953 bis 1990) interpretiert und eine Fotodokumentation (Zeitraum 1991 bis 1993) angefertigt, welche eine nach wie vor anhaltende Zunahme von Nivationsschäden aufzeigen. Als stark geschädigt samten Bereich des Ruck, am Königsbergrücken auf dem Farrenleiten, die obere Priesbergalm und ehemalige Roßfeldalm, die Mitterkaseralm sowie die Gotzenalm am Nordabfall zur Seeaualm zu nennen.
Ausgedehnte und in größeren Teilbereichen drastische Bodenschäden sind auf der Jennerskipiste zu verzeichnen. Diese können allerdings aufgrund der vergleichsweisen Kleinräumigkeit des eigentlichen Pistenbereichs und damit der geschädigten Fläche
vor allem im Vergleich zu anderen wintersportlich genutzten Alpenregionen - als relativ unbedeutend bezeichnet werden.
Dies gilt auch für die Situation der Wege im Jennergebiet. Obwohl einige Abschnitte (z.B. der Weg von der Mittelstation zur Mitterkaseralm und der Pfad von der oberen Priesbergalm hinab zu den Almhütten) eine starke Schädigung aufweisen, kann die derzeitige Situation insgesamt jedoch als relativ stabil eingestuft werden.
Größere Schädigungen gehen von intensiver Beweidung aus. Als verantwortlich für die negative Entwicklung der Beweidungsschäden sind hier die Veränderungen in der Almwirtschaft insbesondere die verbreitete hirtenlose Jungviehaltung zu nennen. Die teilweise starke Schädigung einiger Unterhangbereiche der Königstalalm, der Krautkaseralm und der Büchsenalm sind deutliche Belege.
Über die Erfassung der vorliegenden Abtragsschäden hinaus wurde auch eine Entwicklung von Gefährdungspotentialen angestrebt, welche zur Abgrenzung potentiell gefährdeter, d.h. in Zukunft möglicherweise von Abtragungsvorgängen betroffenen Bereiche dienen soll. Dabei wurde nach der Methode der "stummen Zeugen" verfahren, wodurch die im Untersuchungsgebiet relevanten abtragungswirksamen Prozesse anhand des aus ihnen resultierenden Formenschatzes identifiziert wurden. Da sie umfangreichsten Bodenschädigungen im Untersuchungsgebiet von Nivationsprozessen ausgehen, wurde auf diese Prozesse im Hinblick auf entsprechend abtragungsgefährdete Bereiche Besonderes Augenmerk gelegt. Hiernach erfolgte eine Auswahl von fünf Untersuchungsflächen, welche besonders starke Schädigung durch Nivation aufweisen und innerhalb derer eine Aufnahme und Analyse der möglichen Einflußparameter der einzelnen naval bedingten Prozeßabläufe durchgeführt werden konnte.
Die Abgrenzung der durch Trittbelastung von Mensch und Tier sowie durch fluviale Abtragungsvorgänge gefährdeten Bereiche erfolgten anhand von Ergebnissen zielgerichteter Kartierarbeiten (Wildbachkartierung, Wegschadenskartierung) im gesamten Untersuchungsgebiet.
Folgende Einflußparameter der einzelnen schadbringenden Prozeßarten im Untersuchungsgebiet wurden ermittelt (die zur Ausscheidung potentiell abtragsgefährdeter Bereiche geeignet und auch herangezogenen Parameter sind kursiv gestellt):
Trittschädigungen im Rahmen des Sommertourismus:
Frequentierungsintensität der Wege, Witterungsverlauf, Wegetyp, Neigungsverhältnisse des Weges, Wegführung, Lithologie/Substrateigenschaften der Wegoberfläche unbefestigter Wege;
Trittschädigungen durch Beweidung: örtliche Beweidungsintensität, Witterungsverlauf (Bodenwassergehalte), Hangneigung, Hangposition, Mikrorelief (Häufigkeit vorhandener Viehgangeln), Zustand der Grasnarbe, Bodeneigenschaften beweideter Böden;
Schnee- und Lawinenschurf: Niederschlagshöhe und -verlauf, Schneehöhe, Schneedeckenaufbau, Hangneigung, Hangform und -länge, Mikrorelief (Rauhigkeit), Feinbodensubstrat, Grobbodenanteil, Solummächtigkeit, Art und Grad der Vegetationsbedeckung.
Blattanbruchbildung: Niederschlagshöhe- und verlauf, Schneehöhe, Schneedeckenaufbau, Hangneigung, Mikrorelief (Rauhigkeit), Feinbodensubstrat, Grobbodenanteil, Solummächtikeit, vertikaler Bodenaufbau, Art und Grad der Vegetationsbedeckung.
Für die Prozesse Schnee- und Lawinenschurf, Blattanbruchbildung und m. E. auch Viehtritt wurden mittels der herangezogenen Einflußparameter Vorschriften für Flächenverschneidungen innerhalb des GIS entwickelt. Mit Hilfe dieser Vorschriften konnte eine Abgrenzung potentieller Abtragungsbereiche erzeugt werden. Diese wurden abschließend gemeinsam mit den direkt im Gelände ermittelten durch Sommertourismus und fluviale Prozesse gefährdeten Bereiche in einer Karte der potentiellen Massenabtragungsbereiche zusammengefaßt.